Es gibt Nationen, die feiern Unabhängigkeitstage. Andere zelebrieren Revolutionen. Und dann gibt es Schweden. Dort feiert man einmal im Jahr die Tatsache, dass in einem bestimmten Landstrich ein bestimmter Konsonant nicht gesprochen wird.
Willkommen beim „Fössta tossdag i mass“.
Offiziell heißt es „Första torsdagen i mars“, der erste Donnerstag im März. In Småland aber – oder besser gesagt, in manchen småländischen Dialekten, denn davon gibt es mehrere – spricht man das „r“ nicht. Aus „första“ wird „fössta“. Wenn Smålänningar diese Phrase sprechen, hebt ihre Stimme aus irgendwelchen Gründen immer ab. Fast schon piepsig klingt es dann: „Fössta tossdan i mass“.
Und weil es so schön ist, machen alle mit: Hoch oben im Norden, im urbanen Stockholm, an der Westküste, im tiefen Süden, überall klingt es gleich: „Fössta tossdan i mass“ – obwohl die Menschen hier das „r“ sehr wohl sprechen könnten. Tun sie in diesem Moment nicht. Denn am ersten Donnerstag im März sind alle Schwedinnen und Schweden irgendwie Smålänningar.
Was wird am „fössta tossdan i mass“ gefeiert?
Aber was ist denn nun an diesem ersten Donnerstag im März? Nun, eigentlich nichts. Er hat nur so viele schöne „rs“-Kombinationen, dass ein Tag, der diese besondere småländische Spracheigenschaft betonen will, einfach an diesem Tag gefeiert werden muss.
Das Ganze begann im Grunde als Scherz. Jonas Svenningson und seine Schwester, beide aufgewachsen im småländischen Jönköping, wo das gerollte „r“ traditionell eher als optionales Zubehör gilt, nun in Stockholm lebend, machten sich 2010 liebevoll-scherzhaft lustig über ihren Vater, der aus Gnosjö in Småland stammte und in breitestem Dialekt stets vom „fössta mass“ sprach. Die Geschwister erweiterten das noch um einen Donnerstag, „tossdan“. 2010 erstellten sie eine Facebook-Seite namens „Fössta Tossdan i Mass“ und am 3. März, damals ein Donnerstag, wünschten sie über diese Seite „Glad Fössta Tossdan i Mass“. Ein Scherz nur. Aber einer, der ankam. Noch am gleichen Tag knackte die Seite die Grenze von 500 Followern.
Was isst man an diesem Tag? Klar, Süßes!
Zu einem richtigen Feiertag gehört selbstverständlich ein passendes Essen. Und die Schweden wären nicht die Schweden, wenn sie nicht die Gelegenheit beim Schopfe packen würden, um einen weiteren Grund zu haben, etwas Süßes vertilgen zu können. Und bei einem Tag, an dem man ein nicht vorhandenes „r“ feiert, ist klar: Das passende Essen ist eine Marzipantorte, „marsipantårta“ – Verzeihung: „massipantååta“.
Am 1. März 2012 veröffentlichte Jonas Svenningson ein Bild einer runden, grünen Marzipantorte mit dem Schriftzug „Fössta tossdan i Mass“ obendrauf.
Der Radiosender P4 Jönköping bekam davon Wind, berichtete darüber und jetzt bekam der Tag die ganz große Reichweite. Überall berichtete man davon, überall sprangen die Menschen auf und begannen, am ersten Donnerstag im März Marzipantorte zu essen. Wie gesagt, das können sie, die Schweden, Gelegenheiten zum Feiern und Naschen beim Schopfe packen.
Vom Internetscherz zum inoffiziellen Nationaltag Smålands
Das Ganze wurde so groß, dass der Tag mittlerweile den Status eines inoffiziellen småländischen Nationaltags hat, aber nicht nur dort, sondern im ganzen Land gefeiert wird.
Und es hat etwas zutiefst Sympathisches. Während anderswo erbittert über Identität gestritten wird, wird hier augenzwinkernd im ganzen Land kurzzeitig ein Konsonant suspendiert, einer lokalen Eigenart gedacht und Torte gegessen.
Am Ende des Tages kehrt das „r“ übrigens ganz unspektakulär zurück. Niemand hält eine Rede, niemand rollt es feierlich wieder herein. Es ist einfach wieder da. Außer in Småland natürlich.
Übrigens: Die originale „Fössta Tossdan i Mass“-Gruppe existiert noch immer. Anfang 2026 hatte sie etwas mehr als 8000 Follower. www.facebook.com/fosstatossdanimass