Schweden wählt 2026: Warum die kleinen Parteien entscheidend werden

Geschrieben am 11.09.2026
von Elchkuss

Am 13. September wird in Schweden gewählt – nicht nur das Parlament, der riksdagen, sondern auch auf kommunaler und regionaler Ebene. Uns interessiert hier aber die landesweite Wahl, denn sie wird – wie fast immer in Schweden – eng und spannend. Aber es ist weniger spannend, welche Partei Wahlsieger wird. Das sind mit größter Wahrscheinlichkeit die Sozialdemokraten. Die eigentliche Machtfrage entscheidet sich bei den kleinen Parteien, an der 4-Prozent-Hürde und an den Koalitionsverhandlungen. Da könnte einiges knirschen. Daher könnte es auch zu Überraschungen kommen.

Hier bekommst du den Überblick über die Parteien, die politischen Lager und Koalitionen, die nach dem 13. September realistisch sind. Wenn du noch mehr über die Wahl erfahren möchtest, dann höre in die Episode 285 des Elchkuss-Podcasts hinein:

Was steht auf dem Spiel?

In aller Kürze: Die aktuelle schwedische Regierung unter Ulf Kristersson möchte in die Verlängerung gehen. Kristersson führt momentan ein Bündnis aus Moderaten, Liberalen und Christdemokraten an. Da diese drei Parteien aber keine eigene Mehrheit haben, haben sie sich auf einen Pakt mit den rechtspopulistischen Sverigedemokraterna eingelassen. Im sog. Tidö-Abkommen bestimmten diese vier Parteien den Regierungskurs. Die Rechtspopulisten sind somit offiziell kein Bestandteil der Regierung, haben aber großen Einfluss auf die Regierungspolitik, ohne dass sie diese verantworten müssen.

Ulf Kristersson zeigt sich nun offen, die Rechtspopulisten in die Regierung aufzunehmen. Das wäre ein Novum in Schweden: eine Partei mit Wurzeln im tiefbraunen Sumpf in der Regierung.

Die aktuelle Opposition möchte dies verhindern. Außerdem will sie den Sozialstaat wieder stärken und beispielsweise verhindern, dass private Unternehmen aus staatlichen Zuschüssen große Gewinne im Bildungs-, Gesundheits- und Pflegebereich abschöpfen.

Auch im Bereich der Energiepolitik steht einiges auf dem Spiel: Die aktuelle Opposition möchte die erneuerbaren Energien stärker ausbauen, die jetzige Regierung setzt auf ein Revival der Kernkraft.

Es wird durchaus eine richtungsweisende Wahl in Schweden – Welche Tür wird gewählt?

Minderheitsregierungen in Schweden – früher üblich, heute schwieriger

Schweden wählt am 13. September dreifach (kommunal, regional, national). Politisch relevant für die Richtung des Landes ist vor allem der Riksdag mit seinen 349 Sitzen.

Diese 349 Abgeordneten wählen den Regierungschef – oder in diesem Jahr durchaus wahrscheinlich die Regierungschefin. Dabei muss der Kandidat nicht die Mehrheit auf sich vereinen, es genügt, wenn es keine Mehrheit gegen ihn oder sie gibt. Das macht Minderheitsregierungen in Schweden wahrscheinlicher und oft auch praktikabel.

In früheren Jahren waren Minderheitsregierungen in Schweden sehr üblich und sie funktionierten oft auch gut. Man suchte den Kompromiss, das machte die politische Kultur in Schweden lange Zeit aus.

„Heutzutage allerdings ist es immer schlechter möglich, da sich in den letzten Jahren ein sehr starkes Blockdenken etabliert hat und der politische Dialog immer polarisierte und weniger sachrational geführt wird.“ (Jo, Zitat aus der Podcastfolge zur Wahl)

Daher streben die beiden Kandidaten auf das Ministerpräsidentenamt, Ulf Kristersson und Magdalena Andersson, nach einer eigenen klaren Regierungsmehrheit. Die zusammenzubekommen, ist aber gar nicht so einfach.

Wohin wird der schwedische Zug fahren?

4-Prozent-Hürde und 12-Prozent-Ausnahme – beide in diesem Jahr von Bedeutung

In Schweden gilt eine 4-Prozent-Hürde. Parteien darunter kommen nicht ins Parlament. Das kann bei dieser Wahl sehr relevant werden, denn eine aktuelle Regierungspartei, die Liberalen, liegen in den Umfragen darunter. Sollten die Liberalen nicht ins Parlament einziehen, fehlen dem momentanen Regierungschef Ulf Kristersson diese Stimmen, um sein Amt zu verteidigen.

Und dann könnte noch eine andere Besonderheit des schwedischen Wahlrechts wichtig werden: Wer in einem Wahlkreis, das sind die läns, mindestens 12 Prozent erreicht, kann trotz landesweit unter 4 Prozent einen Sitz bekommen. Bisher trat dieser Fall noch nie ein. Jetzt aber tritt im Örebro Län die extrem nationalistische Örebropartiet an, die es schaffen könnte.

Schon ein einziger zusätzlicher Sitz kann bei einem engen Wahlausgang darüber entscheiden, ob ein Lager eine Mehrheit organisieren kann oder nicht. Die Örebropartiet könnte daher plötzlich großes Gewicht erhalten. Mehr über diese Partei in der verlängerten Bonusfolge zur Episode über die Wahl in Schweden.

Die Parteien im Überblick

Mit größter Wahrscheinlichkeit werden die Sozialdemokraten stärkste Kraft. Aber ob die jetzige Opposition wirklich die Mehrheit bekommt? Vor einigen Monaten sah es in den Umfragen noch fest danach aus. Aber inzwischen ist der Vorsprung auf wenige Prozentpunkte zusammengeschmolzen. Und selbst wenn die Opposition die Wahl gewinnt, stellt sich die entscheidende Frage: Kann sie auch eine stabile Regierung bilden?

Dafür lohnt sich ein Blick auf die Parteien.

Die Sozialdemokraten – der große Favorit

Beginnen wir mit der größten Partei des Landes: den Sozialdemokraten, den Socialdemokraterna, kurz S. Ihre Spitzenkandidatin ist Magdalena Andersson. Sie war von 2021 bis 2022 bereits Ministerpräsidentin und ist seit der Wahl 2022 Oppositionsführerin.

Inhaltlich setzen die Sozialdemokraten vor allem auf klassische sozialdemokratische Themen: einen starken Wohlfahrtsstaat, Investitionen in Schulen und Gesundheitsversorgung, bessere Arbeitsbedingungen und eine Stärkung des sozialen Zusammenhalts. Sie kritisieren, dass private Unternehmen Gewinne aus Schulen, Krankenhäusern und Pflegeheimen ziehen, und fordern eine stärkere Verstaatlichung dieser Bereiche.

In manchen Bereichen haben sich die Sozialdemokraten inhaltlich verändert. So steht die NATO-Mitgliedschaft mittlerweile völlig außer Frage, und bei den Themen Migration und Kriminalität fordern sie einen deutlich härteren Kurs. Sie wollen eine kontrollierte Migration, härter gegen organisierte Kriminalität vorgehen und Integration stärker mit Anforderungen verbinden. Das zeigt, wie stark die Schwedendemokraten den politischen Diskurs verändert haben.

Lange Zeit verfolgte die Partei eine offene Migrationspolitik, das hat sich also geändert – und das könnte bei der Suche nach Koalitionspartnern für Schwierigkeiten sorgen.

Auch wenn die Zustimmungswerte für die Sozialdemokraten seit Jahresbeginn sinken, müsste schon etwas Gewaltiges passieren, damit sie nicht Wahlsieger werden.

Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger: Werden sie die stärkste Partei?

Die Frage lautet: Können sie auch eine stabile Regierung bilden? Denn die Wahl der Koalitionspartner könnte eine Herausforderung werden.

Die Linkspartei – deutlich im Aufwind

Da ist zum Beispiel die Vänsterpartiet, die Linkspartei, unter der Führung von Nooshi Dadgostar. Sie sind deutlich linker als die Sozialdemokraten und befinden sich momentan stark im Aufwind. In den Umfragen liegt die Partei stabil zwischen 9 und 10%, könnte somit fast 50% mehr Sitze im Parlament erhalten als aktuell.

Die Linkspartei verfolgt klassisch linke Themen und fordert höhere Steuern für Menschen mit hohen Einkommen und großen Vermögen und möchte deutlich mehr Geld in den Wohlfahrtsstaat investieren. Auch auf dem Wohnungsmarkt setzt sie auf einen starken staatlichen Einfluss und mehr bezahlbaren Wohnraum. In der Klimapolitik fordert sie unter anderem massive Investitionen in Bahn und öffentlichen Nahverkehr. Bei der Migration ist die Linkspartei wesentlich liberaler als die Sozialdemokraten.

Das könnte nach der Wahl zum Problem werden. Denn die Linkspartei möchte eine Regierung unter Magdalena Andersson nicht nur tolerieren, sondern will Teil der Regierung werden. Der offene Migrationskurs der Linkspartei kollidiert aber mit der inzwischen härteren Migrationspolitik der Sozialdemokraten. Den will Andersson aber nicht aufgeben, denn so wollen die Sozialdemokraten Wähler zurückgewinnen, die in den vergangenen Jahren zu den Schwedendemokraten abgewandert sind.

Eine enge Zusammenarbeit zwischen S und V könnte deshalb politisch kompliziert werden. Die zweite Schwierigkeit besteht darin, dass die Linkspartei und ein weiterer potenzieller Koalitionspartner, das Centrum, ideologische Welten trennt.

Das Centrum – der mögliche Königsmacher

Die Haltung der Centerpartiet wird nach der Wahl besonders interessant. Denn die Partei, die sich selbst in der Mitte verortet, könnte letzten Endes sowohl Magdalena Andersson zur Regierungschefin als auch Ulf Kristersson zum Regierungschef machen. Die Partei unter der Führung von Elisabeth Thand Ringqvist versteht sich als liberale, wirtschaftsfreundliche Partei, die besonders im ländlichen Raum stark verwurzelt ist. Lange Zeit war sie die Partei, die besonders von Bauern und anderen in der Agrarwirtschaft gewählt wurde. In den Umfragen liegt das Centrum bei 6 bis 7%, ist also nicht sonderlich stark, könnte aber entscheidend werden.

Ihre Themen sind die Zukunftsfähigkeit von kleinen und mittleren Unternehmen, Landwirtschaft, ländliche Regionen, Klimaschutz und eine funktionierende Infrastruktur außerhalb der großen Städte. Wichtig ist der Partei, dass beispielsweise Schulen, Krankenhäusern und andere Dienstleistungen auf dem Land erhalten bleiben und finanziert werden. In der Klimapolitik verbindet das Centrum Klimaschutz mit technologischem Fortschritt, setzt zum Beispiel darauf, dass bis zum Jahr 2030 90% aller Auto-Neuzulassungen E-Autos sind.

Das Centrum tendiert ins Lager der momentanen Opposition, könnte mit den Sozialdemokraten sicherlich auch gut regieren. Sie ist aber kein fester und selbstverständlicher Teil des rot-grünen Lagers. Ihre wirtschaftspolitisch liberalen Positionen lassen sich kaum mit denen der Linkspartei vereinen. Das wird eine Herausforderung für Magdalena Andersson, diese beide Parteien zufriedenzustellen.

Aber auch Ulf Kristersson kann das Centrum nicht so einfach ins konservative Lager ziehen, denn das Centrum lehnt eine Zusammenarbeit mit den Schwedendemokraten strikt ab.

Die Grünen – Klimaschutz als Hauptthema

Auch die Zusammenarbeit der Sozialdemokraten mit der vierten momentanen Oppositionspartei, den Grünen (Miljöpartiet), ist nicht selbstverständlich. Fokus der Partei unter der Führung von Amanda Lind und Daniel Helldén liegt, klar, auf der Klimapolitik. Die Grünen wollen die Energiewende beschleunigen, fossile Energien zurückdrängen und Natur und biologische Vielfalt stärker schützen. Dabei argumentieren sie, dass Klimaschutz nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche und soziale Frage sei. Die Partei verbindet Klimapolitik mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, Innovation und einem starken Wohlfahrtsstaat. In der Migrationspolitik vertreten die Grünen eine deutlich offene Position und sind hier der Linkspartei deutlich näher als den Sozialdemokraten.

Die Miljöpartiet ist in Schweden traditionell nicht sonderlich stark, der Einzug ins Parlament scheint aber ungefährdet zu sein. In den letzten Umfragen lagen sie stets zwischen 6 und 7%.

Also: Die Sozialdemokraten werden sicherlich stärkste Kraft werden, und es sieht auch alles danach aus, als würden die vier Oppositionsparteien die Mehrheit erringen. Spannend wird dann allerdings die Frage sein, ob Magdalena Andersson die vier Parteien auch unter einen Hut bringt.

Aber sieht das für Ulf Kristersson und seinen möglichen Verbündeten besser aus?

Die Moderaten – Regierungspartei unter Druck

Die Moderaten sind die Partei des momentanen Regierungschefs und Ministerpräsidenten Ulf Kristersson. Sie ist vergleichbar mit der CDU in Deutschland, wenngleich sie vielleicht etwas liberaler aufgestellt ist. Seit Jahren pendelt sie bei ähnlichen Werten knapp unter 20%. Bei der Wahl 2018 erhielten die Moderaten 19,8%, 2022 19,1%, jetzt sind sie in den Umfragen meist zwischen 17 und 18%, verlieren also leicht.

Das Problem: Die rechtspopulistischen Sverigedemokraterna befinden sich auf ähnlichem Niveau, liegen in den Umfragen aber etwas über den Moderaten. Sollten die Moderaten also nach der Wahl die Rechtspopulisten mit in die Regierung nehmen, dann hätten eigentlich die Sverigedemokraterna das Vorrecht, die Regierung anzuführen. Daher ist es für die Moderaten unglaublich wichtig, vor den Sverigedemokraterna zu liegen, wonach es momentan aber eher nicht aussieht.

Die Moderaten setzen auf niedrigere Steuern, wirtschaftliches Wachstum, eine starke Polizei, Begrenzung der Zuwanderung und eine harte Linie gegen Kriminalität. Bei Letzterem hat die Regierung auch Erfolge vorzuweisen, kann dies aber nicht in höhere Zustimmungswerte ummünzen.

Beim Thema Energie unterscheiden sich Regierung von Opposition deutlich. Denn die Regierungsparteien, und hierbei besonders die Moderaten, setzen auf den Ausbau der Kernenergie. Zugleich wurden mehrere Windparkprojekte in der Ostsee gestoppt oder zumindest erschwert. Im Bereich der Energie zeigt man sich also klar von der konservativen Seite.

Parteichef Ulf Kristersson versucht im Wahlkampf vor allem zu argumentieren, dass seine Regierung Schweden wirtschaftlich stabilisiert und die Inflationsrate gedämpft habe. Beides ist richtig. Nach Jahren einer schwachen Konjunktur scheint es allmählich wieder nach oben zu gehen. Das merken zunehmen auch die Menschen, weshalb die Zustimmungswerte für die Moderaten und prinzipiell für die Regierung in den letzten beiden großen Umfragen nach oben gegangen sind (dennoch überwiegen noch die Unzufriedenen).

Ob dies noch eine große Aufholjagd wird und ob es reichen wird, das wird die Wahl am 13. September zeigen. Da wird sich zudem zeigen, ob die Moderaten ihre Position als führende konservative Partei behaupten können und diese an die Sverigedemokraterna abgeben müssen.

Die Schwedendemokraten – vom Außenseiter zum Machtfaktor

Damit sind wir bei den Sverigedemokraterna, die Schwedendemokraten, kurz SD unter der Führung von Parteichef Jimmie Åkesson. Sie sind offiziell kein Teil der Regierung, aber durch das Tidö-Abkommen haben sie großen Einfluss auf die Regierungspolitik.

Die Sverigedemokraterna haben den umgekehrten Weg im Vergleich zur AfD in Deutschland hingelegt. Während die AfD anfangs eine konservative, eurokritische Partei war, wurde sie immer radikaler. Die Sverigedemokraterna hingegen stammen aus zutiefst braunem Sumpf und versuchen unter Jimmie Åkesson bürgerlicher zu werden und als rechtskonservative Partei auch für Mitte-Wähler (beispielsweise von den Moderaten oder den Sozialdemokraten) wählbar zu sein. Lange Zeit ging es mit dieser Ausrichtung nur nach oben. Mittlerweile hat sich die Partei aber bei rund 20% eingependelt; hier liegen sie auch in den Umfragen.

Die Sverigedemokraterna wollen in irgendeine angebliche bessere Zeit zurück. Dafür fordern sie mehr nationale Identität, weniger Migration, mehr Abschiebungen, Kampf gegen Kriminalität, zugleich aber Ausbau des Wohlfahrtsstaats (dort zumindest, wo er schwedischen Staatsbürgern zugutekommt).

Jimmie Åkesson fordert – wenn es rechnerisch für die aktuelle Regierung reicht – gleichwertiges Mitglied in der Regierung zu sein, also auch Ministerposten zu erhalten. Und Ulf Kristersson hat angekündigt, dass die Schwedendemokraten im Fall eines erneuten Wahlsiegs des rechten Lagers Regierungsverantwortung übernehmen könnten. Er will sie also in die Regierung lassen. Das wäre ein historischer Schritt. Denn die Partei wurde lange von den etablierten Parteien gemieden.

Ob es so kommt, hängt aber maßgeblich von den beiden kleineren momentanen Regierungsparteien ab.

Die Christdemokraten – kleine Partei, große Bedeutung

Das sind zum einen die Kristdemokraterna, die Christdemokraten, kurz KD; sie werden von Ebba Busch geführt. Sie sind eine christlich-konservative Partei, daher auch klar im konservativen Lager angesiedelt. Allerdings machte Ebba Busch in letzter Zeit des Öfteren Schlagzeilen, weil sie ganz offen mit Magdalena Andersson flirtete und eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten nicht ausschloss. Ob das wirklich ernst gemeint ist oder ob sie damit nur den eigenen Preis in Koalitionsverhandlungen mit den Moderaten und Sverigedemokraterna nach oben treiben möchte, ist unklar. Mehrmals machte sie aber deutlich, dass ihre Mitarbeit im konservativen Lager nicht als selbstverständlich gehalten werden soll.

Die Partei liegt in den Umfragen konstant zwischen 6 und 7%. Bei der letzten Wahl erreichte sie 5,3%.

Die zentralen Themen sind Energie, Gesundheit und Pflege und Familienpolitik. Die Partei fordert beispielsweise höhere Kinderleistungen und längere bezahlte Elternzeit. Das ist ein Punkt, wo sie gut mit der momentanen Opposition zusammenarbeiten könnte. In der Energie- und Wirtschaftspolitik trennen sie aber Welten. Dass die Christdemokraten beispielsweise mit den Grünen in einer Regierung sitzen könnten, ist daher nur schwer vorstellbar.

Und dann sind da noch die Liberalen

Ja, und dann sind da noch die Liberalen. Oder sollte man sagen: Dann waren da noch die Liberalen? Wahlentscheidend könnte eine Partei sein, die in den Umfragen weit unter dem Strich der 4%-Hürde liegt: die Liberalerna, die für Leistungsorientierung, Bildung, individuelle und marktwirtschaftliche Freiheit eintreten. Vielleicht sind sie gerade die wichtigste kleinste Partei Schwedens.

Sie wird von Simona Mohamsson geführt und kämpft um das politische Überleben. Im Frühjahr sanken die Zustimmungswerte auf 1%. In einer Umfrage von Ende August konnten sie sich etwas erholen und kamen immerhin auf 2,3%. Ein Aufwärtstrend, aber einer auf sehr niedrigem Niveau. Für die konservative Regierung wird es entscheidend sein, ob die Liberalen ins Parlament einziehen oder nicht. Sollte die Sitze der Liberalen wegfallen, wird es für Ulf Kristersson sehr eng.

Die Liberalen-Chefin Simona Mohamsson wagte Anfang des Jahres eine riskante Strategie. Damals waren die Umfragewerte bereits im Keller, als sie sagte, sie wolle mit den Sverigedemokraterna gemeinsam in einer Regierung sitzen. Sinnbildlich wurde ihre Umarmung von Jimmie Åkesson. Vielleicht wollte sie damit SD-Wähler zu den Liberalen locken; tatsächlich verschreckte sie aber wohl eher klassische Liberalen-Wähler, die mit den Rechtspopulisten wenig anfangen können. Erfolg zeigte ihre Strategie jedenfalls nicht.

Stockholm, die Hauptstadt Schwedens. Hier sitzt das Parlament mit seinen 349 Abgeordneten.

Drei realistische Koalitionsszenarien nach der Schwedenwahl 2026

Die Wahl wird also eng und die Koalitionsverhandlungen werden interessant. Drei mögliche Szenarien zeichnen sich ab:

Szenario 1: Magdalena Andersson wird Ministerpräsidentin

Nach den Umfragen war das lange das wahrscheinlichste Szenario, die neuesten Umfragen lassen aber Zweifel aufkommen. Unklar ist, wie die vier Oppositionsparteien, wenn sie die Mehrheit erringen, zusammenfinden.

Bei den Themen Bildung, Gesundheit und Energie wird es einfacher funktionieren. Wo es knallt: Migration, Wirtschaftspolitik, teilweise Klimaschutz.

Besonders die Linkspartei und das Centrum trennen viele Themen. Dass beide Parteien in einer Regierung sitzen, erfordert eine hohe Kompromissbereitschaft. Daher könnte auch eine Minderheitsregierung wahrscheinlich sein: entweder S mit C und MP, toleriert von V, oder S mit V und MP, toleriert von C.

Szenario 2: Das Tidö-Lager bleibt an der Macht, diesmal mit SD in Regierungsverantwortung

Dieses Szenario war vor Monaten weniger wahrscheinlich, ist aber wieder realistisch. Voraussetzungen: Die Aufholjagd der Regierungsparteien muss weitergehen, und die Liberalen müssen in den Riksdag einziehen.

Die Regierung könnte ihre momentane Politik dann fortsetzen. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die Rechtspopulisten würden dann wahrscheinlich Regierungsverantwortung übernehmen und Minister stellen. Das verändert Verantwortlichkeiten, aber auch die internationale Wahrnehmung und die innenpolitische Normalisierung rechtspopulistischer Positionen.

Szenario 3: Regierung der Mitte (S, M, C, KD)

Das ist das Lieblingsmodell des Zentrums und möglicherweise auch für KD attraktiv. Es würde die Ränder aus der Regierung halten und könnte eine stabile Mehrheit bringen.

Auch inhaltlich könnten die vier Parteien durchaus zueinander finden. Der Haken: Kristersson müsste das Amt des Ministerpräsidenten aufgeben und sich den Sozialdemokraten unterordnen. Diese Option lag nach der letzten Wahl schon einmal auf dem Tisch. Damals entschied sich Kristersson für eine Zusammenarbeit mit den Rechtspopulisten, um selbst an die Spitze zu gelangen. Unwahrscheinlich, dass er sich jetzt Magdalena Andersson unterordnen wird.

Beobachtungspunkte für den Wahlabend

Es wird eine sehr enge Wahl werden – zumindest legen das die aktuellen Umfragen nahe. Wenn du die Wahl verfolgst, dann achte auf die folgenden Punkte, denn sie werden entscheidend sein:

  1. Schau zuerst auf die Liberalen (L): Schaffen sie die 4 Prozent?
  2. Welches Lager ist vorn? Wer erreicht mehr Stimmen? S+L+MP+C oder M+SD+KD+L?
  3. Vergleiche im rechten Lager M vs. SD: Wer ist stärker? Das entscheidet, wer Führungsanspruch und Verhandlungsmacht hat.
  4. Achte auf C (Zentrum) als Koalitionsscharnier: Wenn C stark genug ist, kann es in beide Richtungen Bedingungen stellen.

Mehr dann nach der Wahl. Bleibe dran